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Cannabis-Fans auf dem Vormarsch
Bundesgesetze verbieten die Droge in den gesamten USA, doch viele Staaten und Städte experimentieren mit eigenen Regelungen
Von Jens Schmitz
Lee Hopcraft würde gern mal verhaftet
werden, doch so einfach machen es ihm
die Gesetzeshüter nicht. „Bei unserer
letzten Demo hier vor dem Weißen Haus
haben wir mehr als 100 Joints geraucht
und eine 15 Meter lange, aufblasbare Tüte dabeigehabt“, seufzt der 28-jährige
Lobbyist der Organisation DC Marijuana
Justice. „Vor Gericht könnten wir die Anti-Drogen-Gesetze nämlich angreifen. Es
gab aber bloß zwei Bußgelder und keine
einzige Festnahme.“
Nun also nur ein „Seed Share“ in Washington, Cannabis für alle: Hunderte
Menschen aller Hautfarben drängen sich
in einer langen Schlange vor dem Amtssitz des US-Präsidenten, zeigen zur Alterskontrolle ihren Ausweis und lassen
sich von Aktivisten mit Samen und
Pflanzenteilen beschenken.
Die Demonstranten könnten ihrem
Ziel bald einen großen Schritt näherkommen. Die Rauschgiftbehörde Drug Enforcement Administration (DEA) hat angekündigt, die Einstufung der Droge bis
zum 30. Juni grundlegend zu überprüfen.
Bundesgesetzen zufolge ist Cannabis in
den gesamten USA nach wie vor verboten, aber die Wirklichkeit gestaltet sich
komplizierter: Viele Bundesstaaten und
Städte experimentieren mit eigenen Regelungen. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama lässt sie weitgehend
gewähren, so lange sie klare Rahmenbedingungen schaffen.
Die Liberalisierungswelle hat dabei nur
zum Teil mit den Eigenschaften der Substanz zu tun. Der Bürgerrechtsorganisation ACLU zufolge werden Schwarze bis zu
achtmal häufiger wegen Cannabisbesitz
festgenommen als Weiße, obwohl der
Konsum gleich verteilt ist. Sie werden für
ihre Vergehen auch härter bestraft, mit
verheerenden Folgen für die Familienstrukturen.
Dieses Frühjahr sagte ein früherer
Chefberater des republikanischen Präsidenten Richard Nixon, dessen Anti-Drogen-Krieg sei ein Vorwand gewesen, um
Hippies und Schwarze zu bekämpfen. Die
Empörung über den systemimmanenten
Rassismus war der Hauptgrund, aus dem
2014 mehr als 70 Prozent der Hauptstadtwähler entschieden, Cannabis aus der Illegalität zu holen.
Allerdings treibt das Thema auch nirgends so absurde Blüten wie rund um das
Kapitol. Der konservativ dominierte Kongress rebellierte gegen die Bürgerentscheidung und nutzte seine Finanzhoheit, um sie zu sabotieren. Der Stadtverwaltung wurde untersagt, für die Legalisierung zu bezahlen. Da man im Rathaus
von Washington auch seinen Stolz hat,
herrscht nun in Teilen eine CannabisAnarchie. Anbau, Besitz und Konsum
kleiner Mengen sind auf Privatgelände erlaubt, der Verkauf allerdings nicht. Die
Einführung eines regulierten Marktes
hätte Arbeitsstunden und Geld gekostet.
Das Geschäft bringt weder Steuern ein,
noch wurde es aus der Kriminalität geholt. Die städtischen Vollstreckungsbeamten bemühen sich um ressourcenschonendes Wegschauen.
Der Stadtrat streitet über den Umgang
mit vorgeblich privaten Clubs, deren hohe Eintrittsgebühren dem Erwerb von
Drogen dienen; ein Lieferservice bringt
für 55 Dollar ein Fläschchen Limonade
nach Hause, zu dem der Kunde Cannabis
„geschenkt“ bekommt.
Die US-Rauschgiftbehörde
nimmt eine Neubewertung vor
„Hier“, sagt der preisgekrönte Züchter
Samson Paisley (47) vorm Weißen Haus,
während er Elishewa Shalom ein paar
handförmig gefächerte Blätter im Plastikbecher reicht. „Tu das zuhause mit Wasser in den Kühlschrank und komm auf
meine Facebook-Seite, dort erkläre ich
dir, was du tun musst.“ Die 30-Jährige
produziert Hanfpapiere, ist aber vor allem
aus politischen Gründen gekommen:
„Ich denke, es ist mein Geburtsrecht, diese faszinierende Pflanze zu nutzen.“ Am
Mikrofon wechseln sich die Aktivisten
ab. „Seit Obama im Weißen Haus ist, wurden fünf Millionen Menschen wegen
Cannabis inhaftiert“, erklärt einer, dabei
habe der Präsident früher selbst geraucht.
Die Cannabis-Fans hoffen, dass Obama eine präsidentielle Verfügung erlässt, wenn
der Kongress die Gesetze nicht ändert.
„Ich kenne viele Menschen, die Krebs
haben, in die Abhängigkeit von Schmerzmitteln getrieben wurden und irgendwann beim Heroin gelandet sind“, sagt
Aktivist Hopcraft. „Dass eine Substanz,
zu der es keine bestätigten Todesfälle gibt,
auf Stufe eins geführt wird, ist grotesk.“
Zusammen mit Heroin und LSD ist Cannabis derzeit in den USA als „Schedule
1“-Droge eingestuft. Es soll also großes
Potenzial für Missbrauch bergen und keinerlei medizinischen Nutzen bringen. Eine Einschätzung, die aus ärztlicher Sicht
veraltet anmutet und geradezu bizarr ist,
da Kokain nur eine „Schedule 2“-Droge
ist – ebenfalls gefährlich, aber mit medizinischem Potenzial. Das gilt auch für
Speed und Crystal Meth. Die Rauschgiftbehörde hat vor kurzem einer Untersuchung der Auswirkungen auf Patienten
mit posttraumatischen Belastungsstörungen zugestimmt. Sie hat angekündigt, bis
zum 30. Juni möglicherweise eine Empfehlung zur Neubewertung der Droge zu
geben. Die Bemühungen von Lee Hopcraft und seinen Gesinnungsgenossen
waren nicht umsonst: Das Weiße Haus
hat Aktivisten der DC Marijuana Justice
Initiative zum Gespräch eingeladen

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